Bio-Lebensmittel – macht der Kauf denn überhaupt noch Sinn?

5. September 2012

Wenn Kunden Bio-Lebensmittel kaufen, dann liegt das meist nicht daran, dass sie einen Knick in der Optik haben und den Preis nicht lesen können. Viel eher wollen diese Menschen gesünder leben – und da die Ernährung da eine wichtige Rolle spielt, werden keine Kosten gescheut, um nur das Beste auf den Tisch zu bringen. In einer Ökostudie unter 1.000 Befragten gaben 76 % an, regelmäßig Ökoprodukte zu kaufen; das sind immerhin 5 % mehr als im Vorjahr 2011. 90 % wählten die Biolebensmittel, um möglichst wenig Schadstoffe zu sich zu nehmen, 80 % taten das um ihren Kindern eine gute Grundlage zu bieten. Doch haben Biolebensmittel denn überhaupt eine Auswirkung auf die Konsumenten?

Wissenschaftler des Stanford University Medical Centers in Kalifornien fanden im Rahmen einer Metastudie nun heraus, dass unsere Gesundheit nur unwesentlich von den teuren Bioprodukten profitiert. Das Team um die Internistin Dena Bravata arbeitete mit 223 internationalen Studien und verglich die Lebensmittel sowie die gesundheitlichen Zustände mehrerer Versuchsgruppen, von denen sich ein Teil von biologisch und der andere Teil von konventionell erzeugten Lebensmitteln ernährte (wobei keine einzige Langzeitstudie dabei war). Das Resultat überraschte die Wissenschaftler: tatsächlich ergab der direkte Vergleich der Produkte keine wesentlichen Unterschiede.

Verglichen wurden unter anderem Vitamin-, Protein- und Fettgehalt sowie die Belastung durch Pestizide, Pilze und Bakterien. Bei den Nährstoffen ergaben sich kaum Differenzen. Viel entscheidender als die Anbauweise sind an dieser Stelle andere Faktoren. Dazu gehören das Reifestadium bei der Ernte, die Sorte, der Transportweg und die Lagerung. Bei gleicher Behandlung sind sowohl Bio- als auch „normale“ Lebensmittel gleichwertig. Was die Pestizide betrifft, so wiesen die Nahrungsmittel aus ökologischem Anbau eine geringere Belastung auf als vergleichbare Produkte. Dies ist auf die Bedingungen und Vorschriften zurück zu führen, unter denen die Lebensmittel angebaut werden müssen, um das Bio-Siegel zu erhalten. Auch was multiresistente Bakterien im Fleisch betrifft, so hatten die Biolebensmittel dem Rest einiges voraus. Was auch nicht erstaunlich ist, wenn man bedenkt, dass die biologische Tierhaltung die Tiere auf eine andere Weise behandelt und großzieht als die herkömmliche Haltungsweise.

Denn multiresistente Keime sind inzwischen nicht nur in Krankenhäusern ein Problem, sondern auch in der Lebensmittel-Industrie. Durch den unnötigen Einsatz von Antibiotika wird den Bakterien ein großer Anreiz geboten, ihre Resistenz schnell auszubauen und anzupassen. Die ursprünglichen Keime werden schnell abgetötet durch die Antibiotika – nur die zufällig mutierten, nicht einschätzbaren Keime überleben. Und da alle anderen ja vernichtet wurden, hat die neue Bakterienart genügend Raum und Ressourcen, um sich ungehindert zu verbreiten. Während 1990 nur 1 bis 2 % der Keime multiresistent waren, sind es heute schon 20 %. Also durchschnittlich jeder fünfte Keim in unserem Körper und auf unseren Lebensmitteln ist gegen unsere Antibiotika gewappnet. Dank unseres großzügigen Einsatzes dieser keimtötenden Mittel und der Hygienebesessenheit zahlreicher Reinlichkeitsfanatiker werden die Bakterien schneller resistent als unsere Wissenschaftler neue Antibiotika entwickeln können. Eine unheimliche Entwicklung, schließlich weiß niemand, wohin die Mutationen der winzigen Keime noch führen können.

Da scheint die Pestizidbelastung direkt unwichtig zu sein. Schließlich wird durch Richtlinien eine Obergrenze vorgegeben, um unseren Körpern keine langfristige Belastung zuzumuten. Die Menge, die in herkömmlichen Lebensmitteln erlaubt ist, ist zu gering um uns zu beeinflussen. Doch das Problem ist, dass in vielen Produkten die Rückstände nicht nur eines Schädlingsbekämpfungsmittels zu finden ist, sondern die Kombination mehrerer. Das macht auch die Gefahr aus, denn niemand weiß, wie sich diese Mischung auf den Körper auswirkt. Langzeitstudien dazu gibt es bisher nicht. Bei einer  von Greenpeace in Auftrag gegebenen Kontrolle wurden in 40 % der untersuchten herkömmlichen Lebensmittel mindestens zwei verschiedenen Pestizide gefunden, in 32 Produkten sogar mehr als zehn unterschiedliche. Was dieser Cocktail bewirkt? Das weiß noch keiner.

Fazit also: Wer sich gesund ernähren möchte, sollte zuerst darauf gucken, was er isst. Und erst dann, woher es kommt. Drei Kilogramm Schokolade und vier Tüten Gummibärchen sind einfach nicht gesund, selbst wenn sie aus ökologischem Anbau stammen. Heißt das nun, dass die Produktion der teuren Biolebensmittel, bei denen häufig auch nur eine geringe Vielfalt besteht, lediglich eine Masche der Lebensmittelindustrie ist? Hat sich ganz Deutschland, das Land, welches der größte Absatzmarkt für Bioprodukte ist und in dem sechs Prozent der landwirtschaftlich angelegten Fläche ökologisch bestellt wird, täuschen lassen?

Natürlich nicht. Denn viele Kunden, die an Biolebensmitteln interessiert sind, kaufen die Produkte aus anderen Gründen. Die Produktion der Lebensmittel ist strengen Vorschriften unterlegen. Dazu gehört die limitierte Verwendung von Kunstdünger, die Schädlingsbekämpfung mit ausschließlich ökologischen Mitteln sowie die Bestellung der Felder in den Maßen, wie der Boden dies verarbeiten kann. Damit wird zum Beispiel die Anzahl der Tiere beschränkt, die in einem Betrieb leben dürfen.

Das bestätigt auch Gerald Wehde, der Sprecher des Anbauverbandes Bioland: Das Kernziel des ökologischen Anbaus sei nicht die Veränderung der Lebensmittel, sondern Ziele seien der Gewässer-, Arten- und Klimaschutz sowie die Erhaltung der Bodenqualität. All das ist natürlich nicht machbar, wenn um des Profits willen die Felder quantitativ überlastet und mit Düngemitteln vollgepumpt werden.

Auf diese Weise kommen die Biobetriebe tatsächlich den Wünschen der Kunden entgegen – und sogar aus dem fernen Brüssel wird man unterstützt. Denn die bodenschonende Art der Produktionsweise extensiviert den Abbau der Nahrungsmittel. Das hilft wiederum beim Abbau des Überschusses, der innerhalb der EU ein nicht zu vernachlässigendes Problem darstellt.

Die hohen Tiere in Brüssel sind zufrieden, die für den Verzehr gedachten Tiere sind glücklich, die Kunden freuen sich über ein gutes Gewissen und die lokalen Bauern über die Unterstützung und einen steigenden Umsatz – kein Wunder, dass sich dieser von 2000 bis 2010 von 2 Mrd. auf 6 Mrd. verdreifacht hat. Und auch wenn es der Gesundheit nicht großartig hilft, schaden tut es ihr garantiert nicht. Wer also der Umwelt etwas Gutes tun möchte, kann gut auf Biolebensmittel zurückgreifen – der höhere Preis mag es wert sein.

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